Bücher lesen.. nähre deinen Verstand

Zwei Aussagen haben diese Woche meine Aufmerksamkeit erregt. Die erste stammt von einem Redner, die andere von meiner Tochter.

1. Der Redner

Er sagte, dass ein typischer Erwachsener am Tag ca. 2000 Kalorien verbraucht. Von diesen 2000 Kalorien gehen 500 als Treibstoff an das Gehirn. Bis dahin war mir das nicht bewusst. Man benötigt fast ein Viertel des Tageskalorien, damit das Gehirn funktioniert!

2. Meine Tochter

Die zweite Aussage, die meine Aufmerksamkeit erregte, stammte von meiner ältesten Tochter. Sie erzählte, dass sie sich mit Teenagern und jungen Erwachsenen getroffen hatte, die einander kaum kannten. Um das Eis zu brechen, wurden sie eingeladen mitzuteilen, welches Buch sie kürzlich gelesen hatten. „Weißt du Mama“, sagte sie traurig, „die meisten saßen einfach da und antworteten: „Ich lese eigentlich keine Bücher“.

Diese zwei Aussagen erinnerten mich an Charlotte Mason. Sie sagte:

„Unser größter Fehler besteht darin, dass wir unseren Geist und den unserer Kinder schändlicherweise unterernährt halten (Vol. 6, S. 330).

So wie die Kalorien den Treibstoff unseres Gehirns darstellen, so sind die Ideen der Antrieb für unseren Geist. Und, sowie unser Gehirn eine gute Portion Kalorien braucht um in Topform zu bleiben, so braucht unser Geist genügend Ideen, um gut zu funktionieren.

Wo aber bekommen wir die Ideen-Nahrung für unseren Geist her? Aus Büchern.

„Ideen müssen uns direkt vom Geist des Denkers erreichen. Und das geschieht hauptsächlich durch das Lesen der Bücher, die er geschrieben hat. Und so treten wir in Kontakt mit den großen Denkern“ (Vol. 3, S. 177).

Ich möchte dich dazu ermutigen, dir deine Sommer-Ernährung diese Woche anzuschauen. Nicht so sehr, womit du dein Gehirn während der Mahlzeiten fütterst. Nein, ich spreche darüber, womit du deinen Geist und den deiner Kinder fütterst.

Drei einfache Richtlinien sollen dir bei deiner  Lese-Diät helfen:

1. Qualität

Wie unser Gehirn, so müssen wir auch unseren Geist nähren. Wir können Bücher lesen, die keinen Mehrwert für unser Leben bieten (das wäre dann so etwas wie ein Gehirn-Zuckerl, kann auch mal sein, sollte jedoch nicht jeden Tag), oder solche durch dessen Ideen wir als Person wachsen und reifen können.

2. Abwechslung

Für unseren Körper ist es am besten, wenn er unterschiedliche Nahrung aus verschiedenen Nahrungsgruppen bekommt. Das gleiche gilt auch für die Bücher, die wir lesen. Biete deinem Kind und auch dir selbst, Bücher von unterschiedlichen Autoren aus verschiedenen Bereichen an: Biografien, Romane, Ratgeberliteratur, Wissenschaftliche Bücher, Fantasie Geschichten oder Krimis. Ich bin gerade mit einer umfangreichen Biografie über Carl Sandburg fertig geworden, einem netten englischen Roman und einem spannenden Städte-Krimi. Derzeit arbeite ich gerade einen Ratgeber zur Personalentwicklung mit dem Thema „Prioritäten setzen“ durch, sowie eine faszinierende Serie von Erzählungen die im frühen 19. Jahrhundert spielt. Abwechslung tut gut.

3. Zeit zum Verdauen

Wie sieht deine Lese-Diät aus? (Du bist gerade beim Lesen, oder?) Was liest du gerade? Und was lesen deine Kinder?

Füllen wir doch den Geist der Kinder mit vielen wunderbaren Ideen!

Um diese geistige Nahrung gut verwerten zu können, müssen wir unserem Körper Zeit geben. Damit wir die Ideen, mit denen wir durch die Bücher in Beziehung treten gut verarbeiten können, braucht auch unser Verstand Zeit.

Pass auf, dass du nicht zu viel auf einmal liest. Auch der Geist braucht Freiraum um über die Ideen nachzudenken. Am meisten profitieren wir vom Lesen, wenn wir es uns zur Gewohnheit machen, regelmäßig kleine Abschnitte zu lesen und uns dann auch immer wieder Zeit nehmen um über das Gelesene nachzudenken.

Und was sind jetzt lebendige Ideen?

Charlotte Mason sagt,  dass unseren Verstand zu nutzen etwas anderes ist, als ihn zu nähren (Vol. 6, S. 288).

Was ist nun der Unterschied? Versuche dazu eine Übung:

Ordne zuerst jedem Wort eine Bedeutung (a.,b., c.) zu.

________ Verstand

________ nähren

________ verwenden

a. Das Nutzen einer Möglichkeit oder eines Mittels, um einen Zweck zu erfüllen bzw. ein Ergebnis zu erzielen.

b. Mit Lebensmittel versorgen.

c. Der Bestandteil einer Person, der es ermöglicht, sich etwas bewusst zu sein, zu denken und zu fühlen.

Beantworte als nächstes diese Frage:

Was ist die Bedeutung der Ausdruck "es ist etwas anderes"?

Und nun löse dieses Rätsel.

Schreibe sieben Wörter auf, die du mit den Buchstaben des Wortes “DING” bilden kannst.

Wie geht es dir damit? Ich denke, du hast dafür deinen Verstand benutzt. Er hat dir geholfen, die richtigen Antworten zu finden. Aber, hat er dich inspiriert, ernährt oder gefüttert? Hat es dazu beigetragen, “gesunde” Ideen in dir wachzurufen? Bist du dadurch als Person gewachsen oder geformt worden?

Alle Wörter, mit denen du dich in den Übungen beschäftigt hast, können in der Aussage von CM gefunden werden:

“Es ist keinesfalls dasselbe, den Geist zu benutzen bzw. ihn zu nähren.” (Vol. 6, S. 288)

Einfach nur dieses Zitat zu lesen, nährt schon unseren Geist.

Der Unterschied

Ich denke, das ist der Unterschied. Eines von Charlottes Prinzipien war, dass “der Geist durch Ideen genährt wird”. Das heißt, wenn die Schüler mit bloßen Tatsachen konfrontiert werden (ob sie nun gelernt, auswendig gelernt bzw. wiederholt werden), gebrauchen sie dazu zwar ihren Verstand. Genährt werden sie aber erst durch Ideen.

Lebendige Ideen, die Emotionen berühren und die Phantasie anregen.

 

In der Ausbildung, die sich an die Prinzipien und Methoden von CM hält, bekommt der Schüler fortwährend “nährende Ideen”, selbst wenn er sich nur mit den Tatsachen, die sie beinhalten, beschäftigt. Es ist ein ausgewogene und natürliche Vorgehensweise und viel mehr als sich nur verstandesmäßig mit Tatsachen zu beschäftigen.

Als ich über das Zitat von CM nachgedacht habe, habe ich mir überlegt, welche Aktivitäten dazu beitragen, den Geist zu füttern. Ich habe mir dann zwei Listen erstellt, die ihr hier sehen könnt. Lasst mich wissen, was ihr darüber denkt.

1. Den Verstand einsetzen durch

- Tatsachen einprägen und auswendig lernen

- Sich an Tatsachen erinnern und Fragen beantworten

- Mathematikformeln üben

- Mathematikwissen in einem zeitlich begrenzten Rahmen “drillen”

- Wortsuche in Rätseln

- Buchstabierwettbewerbe

- Satzzeichen in Sätzen absichtlich falsch setzen

- Körperliche Fertigkeiten trainieren, um ein Handwerk zu erlernen

- Anmalen, Ausschneiden und Kleben nach einem Muster

- Problemlösende Spiele am Computer

- Wörterlisten mit Definitionen abschreiben

2. Den Geist nähren durch

- Lesen von Büchern, die voll „lebendiger“ Ideen sind

- Zuhören von guten  und schönen Gedanken aus der Poesie

- Zeit in der Natur (Gottes Schöpfung) verbringen, genau anschauen und hinhören

- Konzentriertes Zuhören guter Musik

- Genaues Anschauen von beeindruckenden Kunstwerken

- Mathematische Wahrheiten im Alltag anwenden

- Buchstabieren und Zeichensetzung durch Klassische Literatur entdecken

- Die Bibel auswendig lernen, Texte der Hymnen und Gedichtkunst

- Gute Lieder und Hymnen singen

- Vorbild sein durch gute Gewohnheiten und Charaktereigenschaften

Wenn ich die 1. Liste anschaue (den Verstand benutzen), denke ich an meine eigene Schulzeit zurück und wie es damals war. Für viele Schüler ist es auch heute noch so. Sie sind zwar damit beschäftigt, ihr Gehirn zu benützen, aber sie werden selten motiviert, ihren Verstand und Geist zu nähren, um zu wachsen und aufzublühen.

Beschäftige dich nicht zu sehr mit dieser ersten Liste. Eine Ausbildung nach der CM-Methode bietet viele Möglichkeiten, den Geist und Verstand zu nähren und zu wachsen. Mach nicht den Fehler und setze sie nicht der “Unterernährung” aus. Biete genügend Nahrung an, den Verstand deiner Schüler zu nähren.

“Es ist keinesfalls dasselbe, den Verstand zu benutzen bzw. ihn zu nähren”.