Naturwissenschaften

Der Naturwissenschaftliche Unterricht beginnt laut Charlotte Mason ab dem Zeitpunkt, an dem unsere Kinder selbstständig etwas in der Natur wahrnehmen und beobachten. 

Beobachtung ist die Grundlage jeder Wissenschaft. 

Charlotte Mason schreibt in ihrem ersten Band, dass es wichtig ist, den Kindern die Gesetzmäßigkeiten der Natur, die unumstößlich sind, aber keinesfalls magisch, zu erklären. 

Wir können also davon ausgehen, dass dieser Zeitpunkt zwischen dem zweiten und dritten Geburtstag des Kindes liegt.

Was empfiehlt Charlotte Mason für diesen ersten "Unterricht"? Ihr könnt das auch im ersten Band ab Seite 42 nachlesen:

  • Haltet euch mit jungen Kindern lange draußen auf. So lange wie möglich, im Sommer und im Winter. 
  • Kinder brauchen kein Outdoor Programm. Es gibt heute viele Mental-Programme für gestresste Erwachsene, die darauf abzielen, dass wir uns in der Natur entspannen lernen. Charlotte Mason machte das mit den Kindern.
  • Ihr dürft euch jetzt aber bitte nicht vorstellen, dass Charlotte mit den Kindern im Gänsemarsch ruhig durch die Gegend ging - ganz und gar nicht! Sie plante für den Anfang eine Zeit in der die Kinder toben durften, sie empfahl den Eltern ihrer Elternschule einen Ort zu suchen, an dem es egal ist, wenn die Kinder laut sind und durch die Gegend rennen. Erst wenn sie merkte, dass die Kinder zu Ruhe kamen, machte sie ihre Übungen. 
  • Also noch einmal: erst durften sie ihre Energie herauslassen und dann wurde die Zeit draussen mit "masterly inactivity" geführt. Diese "meisterhafte Zurückhaltung" ist ein Münze mit zwei Seiten: einerseits bedeutet es, dass wir den Kinder Raum lassen, damit sie sich in ihrem Tempo entwickeln können und andererseits müssen wir auch oft dafür sorgen, dass die Kinder etwas tun. Charlotte Mason sagt dazu: ihr sollt den Kindern nicht auftragen etwas zu tun, ihr sollt sie dorthin begleiten. Merkt ihr den Unterschied? Mehr dazu könnt ihr im Band 1 auf Seite 43 bis 44 lesen.
  • Diese Aufenthalte in der Natur sind die Vorstufe zur Narration, die am Anfang mündlich gemacht wird und später schriftlich. Ermuntere dein Kind, Dinge zu beschreiben, die es sieht. Füge deine Sichtweise hinzu und erweitere dadurch den Wortschatz und die Detailverliebtheit deines Kindes. 
  • Wir haben schon im Fach Geografie drüber gesprochen, dass es viel Sinn macht, wenn wir den Kindern lernen, die Umgebung zu beschreiben. Wenn ihr das noch nicht gelesen habt, lest es hier nach. Macht das auch mit Blumen, Bäumen, Vögeln, etc. Die Intention geht am Anfang vom Kind aus. Lasse deinem Kind Zeit. Lass es selbst aussuchen.

Ab dem dritten Lebensjahr beginnen wir die Beobachtungen etwas anzuleiten. Wir beschäftigen und vielleicht mit dem Samen, den wir einsähen, oder wir sammeln Samen in der Natur ein, oder wir haben ein Tier im Garten, in der Nachbarschaft etc., das wir beobachten.

  • Nutzt zu Hause Naturbücher, um dort naturgetreue und detaillierte Bilder eurer Beobachtungen anzusehen - keine Comics oder sehr vereinfachte Bilder bitte. 

Ab der Volksschule empfahl Charlotte Mason das Buch "The Sciences" von Holden. Seht euch die Vorschau für dieses Buch an, ihr könnt dann herausfinden welche Themen Charlotte Mason im Unterricht behandelte und ihr werdet feststellen, dass sie eine sehr moderne Frau war! Bitte bedenkt, dass wir heute viele Dinge wissen, die damals noch nicht bekannt waren! Benutzt also keine alten Bücher, sondern macht es wie Charlotte Mason: sucht euch ein anspruchsvolles Buch, das diese Themen kinngerecht aufbaut. Hier werdet ihr sicher fündig werden.

Charlotte Mason machte sich immer Gedanken darüber, wann sie welches Thema anbot. Das Thema sollte einerseits zur Jahreszeit passen, das Interesse der Kinder wecken (mit einer entsprechenden "Vorarbeit" könnt ihr dieses Interesse wecken) und auch zum Alter bzw. Entwicklungsstand der Kinder passen (diese Methode passt also wirklich für "alle" Kinder).

Wenn du mit dem Kind naturwissenschaftliche Themen erarbeitest, könnt ihr auch gezielte Ausflüge in die Natur unternehmen, bei denen ihr eine bestimmte Sache beobachtet, die ihr dann in euer Naturbuch zeichnet und/oder etwas dazu schreibt, ihr könnt auch Wasserproben entnehmen und diese zu Hause unter dem Mikroskop untersuchen oder bestimmte Tierarten im Zoo beobachten und dies dokumentieren. Wichtig ist, dass wir Erwachsenen verstehen, dass Naturwissenschaften nichts magisches oder unverständliches sind, sondern "einfach" die Vorgänge in der Natur zu erklären versuchen. Nicht mehr und auch nicht weniger.

Ein weiteres Missverständnis ist auch, dass viele Eltern meinen, sie müssten den Kindern gleich alles über ein Thema beibringen. Das hat Charlotte Mason nicht gemacht, sie hat die Themen immer kindgerecht aufgearbeitet. Abhängig vom Kind, versteht sich - und wenn dein Kind sich sehr für Pflanzen interessiert, kannst du ihm schon im Volksschulalter sagen, wie der lateinische Name dieser Pflanze ist, usw. 

Es ist dein Job dafür zu sorgen, dass Interesse entsteht und dann ist es dein Job dafür zu sorgen, dass der Wissensdrang deines Kindes befriedigt und keinesfalls gehemmt wird. Das ist alles... klingt einfach, oder? Achte also darauf, dass DU gut vorbereitet bist, damit ihr immer das nötige Material habt und mögliche Fragen zu beantworten.

Wie sollen wir nun naturwissenschaftliche Fächer unterrichten? Hören wir, was Charlotte Mason dazu sagt:

die Unterrichtssprache sei gut überlegt, da sie es ist (in Schrift und gesprochen), die das Interesse der Kinder weckt; Wissen wird erst durch ihre Wiedergabe verinnerlicht - das Kind soll jeden gelesenen Text und jeden gehörten Vortrag erst mündlich nacherzählen und dann das Wichtige aufschreiben. Charlotte sagt auch, dass es wichtig ist, dass Eltern darauf vertrauen, dass ihre Kinder diese Gesetze verstehen können, da sie natürlich sind - also aus unserer Umwelt heraus kommen. Sie sagt auch, dass Eltern es selbst akzeptieren müssen, dass wir über Naturgesetze nicht diskutieren können, da sie feststehen. Denkt hier an einen Gegenstand, den ihr in der Hand haltet und los lasst. Er wird nicht schweben, er wird auf die Erde fallen. Aus diesem Grund empfand Charlotte Mason die Naturwissenschaften auch nicht als schwierig, sondern als von Gott gegebene Gesetze, die wir Menschen vielleicht noch nicht alle verstehen, die aber trotzdem gegeben sind.

In Physik und Chemie stand zu aller erst das Experiment und erst dann das Schulbuch. Die Schulbücher, die als Unterstützung benutzt wurden, suchte sie nach bestimmten Kriterien aus: sind sie up-to-date? Ist die verwendete Sprache ansprechend für Kinder dieses Alters? Sind die darin enthaltenen Bilder und Skizzen ausführliche und genau?

Charlotte Mason benutzte also in der Volksschule jenes Buch, das wir schon weiter oben genannt haben und führt mit den Kindern die dazugehörigen Experimente durch. 

In den höheren Klasse nutzte sie Bücher wie dieses, sie gehen mehr in die Tiefe und erklären die Dinge genauer. Dabei wurde sowohl auf die Beobachtung, als auch auf das Experiment, in Zusammenhang mit dem Buch, Wert gelegt. Ab der 8. Schulstufe hat sie wieder ein anderes Buch verwendet von Bishop Mercer. Auch diese Buch beschreibt Naturphänomene wissenschaftlich korrekt (für die damalige Zeit) und in einer kindgerechten Sprache -  und das motivierte die Kinder zu lesen!

Wenn ihr also ein passendes Buch sucht, prüft, ob es sich lesen lässt. Bücher in denen viele Bilder und ein nur reduzierter Text vorhanden sind, eignet nicht nicht als lebendiges Buch! Die Sprache sollte angemessen sein und nicht hochgestochen, denn wenn die Kinder das Gelesene nicht verstehen, können sie es auch nicht verarbeiten und dann sinkt auch die Wahrscheinlichkeit, dass sie dieses Buch gerne zu Ende lesen möchten... die Freude am Lesen wird dann erlöschen...

Charlotte Mason war immer bemüht den Kinder Anschauungsmaterial anzubieten. Dazu gingen sie auch in Museen. Wir im häuslichen Unterricht können unseren Kindern so etwas sicher leichter anbieten, als der Schulbetrieb. Erkundigt euch also immer welches Naturwissenschaftliches Museum in eurer Umgebung ist und auch, welche Ausstellungen aktuell dort stattfinden.

Es ist auch interessant, dass Charlotte Mason im Unterricht Zeitungsartikel über neue wissenschaftliche Errungenschaften einband. Das könnt ihr natürlich auch tun. So werden Kinder frühzeitig angeleitet zu recherchieren und Quellen zu prüfen.

Dieses Buch war die Grundlage für den Unterricht ab der neunten Schulstufe. Schaut es euch an und sucht etwas passendes.

Egal welches Buch du nun aussuchst - und wir erinnern dich noch einmal: das Thema gibt das Schulbuch bzw. der Lehrplan vor, das musst du dir nicht selbst suchen - am Wichtigsten ist wieder die Narration beim Erarbeiten der Theorie.

Du kannst mit deinem Kind ein Experimente-Buch führen, in das es alle Experimente schreibt und den Ablauf eben dieser zeichnet. Charlotte Mason setzte immer wieder in den verschiedensten Fächern solche Notebooks ein. Unter einem Notebook kannst du dir ein Heft vorstellen, in das das Kind seinen Lernzuwachs notiert. Diese Hefte wurden nicht korrigiert, sie "gehörten" den Kindern und spiegelten auch deren Persönlichkeit wider. Vielleicht denkst du jetzt: "Das würde bei meinem Kind nie funktionieren, so ein Buch wäre das reine Chaos." Vergiss nicht, dass die Methode von Charlotte Mason auf drei Standbeinen steht: athmosphere - das Lernklima im weiteren Sinne, discipline - Gewohnheiten, die das Leben erleichtern und life - das gesamte Individuum betreffend.

Die Notebooks legten die Weichen zum selbstständigen Lernen. Den Kindern wurde nicht vorgeschrieben was sie in diese Buch schreiben. Es handelt sich hier also nicht um ein Copywork in Schönschrift. Trotzdem war es so, dass diese Bücher oder Hefte von den Kindern mit großer Sorgfalt gestaltet wurden. Das lag wohl weniger an den Kindern, sondern an der Art und Weise wie Charlotte Mason und das Lehrpersonal, das an ihrer Schule arbeitete, die Kinder angeleitet hat. Diese Kinder lernten in einer wertschätzenden, respektvollen Lernumgebung (und das bezieht sich auf auf die Einstellung zum Lernen an sich), sie lernten Gewohnheiten, die ihnen das Leben erleichterten (sie lernten Dinge richtig zu machen und wurden nicht als fehlerhaft bezeichnet) und sie lernten für das Lernen an sich - für das Leben.

Wie wir bereits erklärt haben, fing auch Charlotte Mason bereits im Volksschulalter an, Naturwissenschaftliche Themen zu erarbeiten. In den dabei verwendeten Notebooks wurde vorwiegend gezeichnet und die Kinder schrieben zu ihren Skizzen, Diagrammen und Zeichnungen, Erklärungen in eigenen Worten. Charlotte Mason sagte, dass großformatige Diagramme und Beschreibungen Experimente erleichtern und den Kindern eine bessere Vorstellung von Wissenschaft geben, als leeres Geschwafel. Sinnlose Merksätze aufzuschreiben, war also Tabu. Großen Wert legte sie auf das vorangehende Experiment: nichts sollte ohne ein entsprechendes Experiment durchgenommen werden. 

In ihrem letzten Band (Band 6, S. 19) wird sie sehr konkret, wenn sie sagt, dass die Lehrperson anleitet, ermutigt, den Schülern die Freude am Experiment vermittelt, ihnen bei der Durchführung hilft etc. UND auch einen üblichen Unterricht durchführt.

Das heißt für BU, Physik und Chemie:

1. Etwas wird in der Natur beobachtet oder eine Fragestellung wird aufgeworfen

2. Dazu gibt es eine regelgeleitet Beobachtung in der Natur oder ein Experiment

3. Es wird versucht die Fragen: Wie, Warum und Wer zu beantworten

4. Das Ergebnis wird in das Naturbuch oder das Experimente-Buch gezeichnet etc.

5. Im Schulbuch wird der entsprechende Text mit Narration erarbeitet.

Wir empfehlen in Physik und Chemie diese Bücher für den häuslichen Unterricht. Sie bestehen aus einem Experimentierteil und einem Theorieteil. Wenn du diese Bücher nutzt, brauchst du kein Experimentier-Buch, du hast es schon. Das Schöne an dieser  Reihe ist, dass die Schüler*innen angeleitet werden selbstständig (aber mit Begleitung) die Experimente durchzuarbeiten.