Die Narration - eine pädagogische Errungenschaft!

Am Anfang möchten wir klarstellen: nein, Charlotte Mason hat die Narration natürlich nicht erfunden. Sie entstammt aus der klassischen Erziehung, die sich auf Quintillian, Erasmus und andere bezieht. 

Im Vergleich zum Abprüfen im dem Sinne, wie es heute oft stattfindet, hat es aber einen entscheidenden Vorteil. Wenn du dein Kind prüfst, egal ob du vorgefertigte Fragen benutzt oder dir eigene ausdenkst, folgst du automatisch einem bestimmten Gedankengang, den dein Kind noch nicht gegangen ist. Du leitest es in eine Richtung, ohne sicher zu gehen, ob es schon zum Abbiegen bereit ist. Wenn wir die Methode der Narration durchführen sind die Kinder Lehrer und Lerner zugleich. Sie lernen selbstständig Fragen an einen Text zu stellen - und zwar im Bezug auf ihr Vorwissen - und sie lernen auch diese Fragen zu beantworten. 

Das Ziel des Lernens ist die Selbstständigkeit, da sind wir uns wohl alle einig; und selbstständiges Lernen oder selbstgesteuertes Lernen führt genau dort hin.

So und jetzt fangen wir einmal damit an, was denn diese Narration eigentlich ist. Der erste Teil der Narration fördert die Aufmerksamkeit und wie ihr bereits gelesen habt, spielt diese Gewohnheit eine herausragende Rolle beim Lernen. Dein Kind lernt gut und aufmerksam zuzuhören und später aufmerksam zu lesen. 

Der zweite Teil der Narration ist eine Nacherzählung und das ist eine Fähigkeit die uns allen innewohnt. Wie oft ist dein Kind schon zu dir gelaufen und hat dir ganz aufgeregt von einer Sache berichtet, die es erlebt, gehört oder beobachtet hat? Schon sehr oft wahrscheinlich. Das Nacherzählen im zweiten Teil soll dazu beitragen, dass diese natürliche Fähigkeit erstens erhalten bleibt - und das würde sie nicht, wenn du dein Kind ständig im Redefluss unterbrechen würdest - und zweitens, dass sie sich entwickelt - zu einem folgerichtigen Erzählen des Gehörten und das braucht Zeit.

Jetzt verstehst du wahrscheinlich auch, warum wir mit "inhaltslosen" Büchern oder Texten keine Narration durchführen können, was sollte denn da erzählt werden? Deshalb benutzen wir Bücher, die mit lebendigem Inhalt gefüllt sind. Diese Bücher müssen nicht alt sein und es muss auch nicht die original Literatur von Charlotte Mason verwendet werden - sie hatte keine anderen zur Verfügung - jedes Buch, dessen Inhalt dem Alter des Kindes angemessen ist, das über wahre Geschehnisse in einer lebendigen Sprache erzählt - denn das ist der Punkt der ein Buch lesbar macht - kann verwendet werden. Der Vorgang des Nacherzählen beschreibt in etwa ein nachträgliches inneres Nachdenken - einen inneren Monolog - indem dein Kind sich zuerst an den Anfang des Gehörten erinnern muss und dann, Stück für Stück, die folgenden Teile anfügt. Durch dieses innere Nachdenken, werden die Inhalte verarbeitet und durch die Wiedergabe in eigenen Worten, wird das Gedachte und Gehörte im Gedächtnis deines Kindes fixiert. Man spricht auch davon, dass der Inhalt verinnerlicht wurde. 

Wenn sich Inhalte öfter wiederholen, reagiert unser Gedächtnis drauf und es beginnt diese Inhalte abzuspeichern. Das kann, je nach dem, der gleiche Text sein oder unterschiedliche Texte, die den gleichen Sachverhalt behandeln.

Hier ein paar Tipps zum Nacherzählen, die ich aus den Parental Reviews zusammengetragen habe:

Im Zusammenhang mit Narration redet Charlotte Mason auch über die Gefahr der Überforderung. Mit der schriftlichen Nacherzählung beginnen wir ab der dritten Klasse Volksschule. Das heißt nicht, dass die Kinder bis zu diesem Zeitpunkt bei Charlotte Mason nichts geschrieben haben. Sie besaßen Notebooks für die unterschiedlichsten Fächer. Über Notebooks schreibe ich etwas später. Nur so viel: die Kinder schreiben, sobald sie schreiben können ihre Beobachtungen in das Naturheft, ihre Gedanken und Ideen in das Gedankenheft und ihre Lieblingssätze in das Zitateheft. Diese Hefte werden nicht korrigiert, denn sie sind das gedankliche Eigentum des Kindes. Andererseits bieten gerade diese Hefte die Grundlage dafür, (echte) Entwicklungsschritte der Kinder abzubilden. Sie sind also in mehrer Hinsicht ein großer Vorteil und sollten nicht als zusätzliche Belastung angesehen werden.

Bevor wir mit der schriftlichen Narration beginnen, muss dein Kind wissen, wie ein guter Satz aussieht. Das heißt, wir lernen mit dem Kind spielerisch - oder nebenbei - die Satzglieder und deren Stellung. Es gibt einige Seiten auf denen behauptet wird, dass vor der vierten Klasse kein Grammatikunterricht stattfand. Das kann so nicht stimmen, denn Charlotte Mason sagt selbst, dass Kinder bis zum zehnten Lebensjahr die Grundlagen ihrer Muttersprache beherrschen sollten. Wenn wir das mit den Stundentafeln ihrer Schule vergleichen und auch ihren anderen Aussagen über Grammatik, können wir daraus schließen: bis zur vierten Klasse fand der Grammatikunterricht integriert in allen Fächern in denen die Narration durchgeführt wurde statt und zwar VOR dem Lesen, wenn Wörter oder Sätze erklärt wurden. Erst ab der fünften Schulstufe wurde Grammatik als eigenes Fach gelehrt.

Ein anderer Punkt, den Miss Mason in diesem Zusammenhang herausstellt ist, dass die Narration immer spielerisch und nie mit Zwang ablaufen soll.

Nach dem Nacherzählen folgt der letzte Schritt: die Diskussion. Mehr dazu später.

Charlotte Mason warnt ausdrücklich davor die Kinder Narrationen schreiben zu lassen, bevor sie mit der Syntax und den grammatikalischen Grundlagen vertraut sind, denn auch eine schlechte Ausdrucksweise kann gelernt werden... ein anderer Fakt ist: wenn wir ständig die Ausdrucksweise unseres Kindes korrigieren, lernen wir dem Kind eigentlich unsere Ausdrucksweise, wir fördern jedoch nicht die Individualität unseres Kindes. Ich kann mir vorstellen, dass das jetzt für einige Leser*innnen etwas hart erscheint, wenn wir jedoch ehrlich zu uns selbst sind, müssen wir erkennen, dass das die Wahrheit ist.

Ab der fünften Schulstufe wurde das Aufsatzschreiben in der Form gelernt, die wir auch in der Mittelschule anwenden. Anhand von Beispielen setzten sich die Schüler*innen mit den unterschiedlichen Textsorten auseinander und schrieben dazu auch Beispiele.

Ihr seht, das ist gar nicht schwer... lest weiter in Teil 2