Der Anfang - die Rechte der Kinder

Charlotte Mason machte sich zu Recht viele Gedanken über den Kindergarten. Wir haben in unseren Seminaren schon dargelegt, dass sie in einer pädagogisch spannenden Zeit gelebt hat: dem Umbruch zur Reformpädagogik, weg vom Gedanken, der Verstand sei ein Sack der mit Wissen gefüllt werden soll, hin zur Orientierung an den Bedürfnissen der Lernenden. 

Doch wer waren diese Lernenden und welche Vorstellung hatte man damals von Kindheit? Der Begriff Kindheit war zu Charlotte Masons Lebzeiten etwa hundert Jahre alt. Davor hatte man gar keine Vorstellung von diesem Begriff und aus diesem Grund wurde er - bis heute - immer wieder neu erforscht und definiert.

Natürlich machte man sich auch darüber Gedanken, wie man denn mit diesen Kindern umgehen sollte. Schon Rousseau machte sich viele Gedanken darüber, wie man ein guter Staatsbürger werden könnte und schrieb aus diesem Grunde sein Buch Emile. Damals (1762) war Erziehung und Bildung nur für männliche, europäische Kinder interessant. Das änderte sich Gott sei Dank.

Fröbel "erfand" ab ca. 1830 den Kindergarten und setzte sich mit den Bedürfnissen von Kindern zwischen dem dritte und sechsten Lebensjahr auseinander. Er versuchte herauszufinden, was Kinder in diesem Alter brauchen, damit sie ab dem sechsten Lebensjahr in die Schule gehen konnten. Dazu richtete er eigene Ausbildungsstätten für Frauen ein, die den Beruf der Kindergärtnerin erlernen konnten. Sein Konzept hatte weltweiten Erfolg, wurde jedoch kulturspezifisch in den unterschiedlichen Ländern unterschiedlich ausgeführt. Das bemerkte auch Charlotte Mason.

In Europa machte sich etwa der Trend breit, die Kinder bereits in diesem Alter zu Gehorsam, und fleißigem Üben zu drillen. Sie sollten still am Tisch sitzen und sich mit jenen Dingen beschäftigen, die sie angeboten bekamen. So, dachte man, könne man "brave Schüler" erziehen. Das Ergebnis haben viele von uns noch selbst miterlebt.

Wir finden es wichtig euch diesen kleinen Einblick zu geben, um zu verstehen, wie Charlottes Aussagen über den Kindergarten zu werten sind. Heute sind wir in Österreich da schon einen großen Schritt weiter. Wenn auch oft nur auf dem Papier, die Rahmenbedingungen passen hinten und vorne nicht, aber immerhin.

Seit 2009 gibt es in Österreich einen Bildungsrahmenplan, der die Bildung im vorschulischen Alter beschreibt und jenen Rahmen vorgibt, in dem sich diese Bildung bewegen soll. Ihr könnt diesen Plan hier ansehen.

In diesem Plan ist zu lesen, dass Kinder als kompetente Individuen zur Welt kommen, die von Anfang an mit allen Sinnen wahrnehmen und erforschen.... a child is a born person. Darum mag ich Charlotte Mason, kurz und bündig!

Charlotte Mason war der Meinung - und das spiegelt sich auch in ihren Methoden beim schulischen Lernen wider - dass man nicht alle Kinder über einen Kamm scheren kann. Kinder werden mit unterschiedlichen Fähigkeiten, Talenten und Anlagen geboren. Das ist so. Das muss und soll man nicht werten. 

Trotzdem ist es auch so, wenn wir ein gewisses Maß an Bildung besitzen sollten. Allgemeinbildung so zu sagen - passend für alle. Das führt, wie Charlotte Mason sagt auch dazu, dass Menschen sich besser verstehen - weil sie die selbe Grundlage haben.

Bildung beginnt ab der Geburt, das schulische Lernen ab dem sechsten Lebensjahr. So sagt es Charlotte Mason.

Lernen wir dann gar nichts vorher?

Schon, wir lernen ja ab der Geburt! Und um dich zu beruhigen, wir lernen durch das SPIEL mit dem Kind. In die heutige Sprache übersetzt heißt das, dass wir am Anfang - also ab dem zweiten oder dritten Lebensjahr - spielerisch mit dem Kind lernen. Charlotte Mason war davon überzeugt, dass Kinder in diesem Alter keinen Stundenplan brauchen, sondern Zeit, um sich zu entwickeln.

Oje, wenn ich meinem Kind Zeit zum Entwickeln gebe, geht das sicher in die Hose!

Darum erinnert uns Charlotte Mason immer wieder an die Gewohnheiten, die wir den Kindern lernen sollen - gute Gewohnheiten.

Was sind jetzt gute Gewohnheiten? Wir reden hier aber nicht von Verhaltenstraining, oder?!?

Nein, das tun wir nicht. Gewohnheiten sind Dinge im Alltag die wir tun, ohne darüber nachzudenken. Nach dem Essen Zähneputzen ist so eine Gewohnheit, oder die Schuhe im Flur ausziehen und auf den Schuhableger stellen. Unbewusst arbeiten wir alle jede Minute an irgendeiner Gewohnheit, wir geben es nur nicht gerne zu, denn die Gewohnheiten an denen wir Erwachsenen arbeiten sind meist schlechte Gewohnheiten, für die wir uns vielleicht schämen ...  und es ist so schwer sich diese abzugewöhnen ....

Wenn wird das wissen, warum arbeiten wir dann nicht aktiv daran, unsere Kinder davor zu bewahren?

Wie soll das jetzt wieder gehen? Ich kann doch nicht dauernd mit meinem Kind schimpfen und diskutieren und es strafen? 

Nein, das sollst du ganz und gar nicht. Ein Anfang wäre, dass du dir überlegst, welche Gewohnheiten gut für euer Zusammenleben als Familie wären und anfängst, ein Beispiel zu sein. 

Bevor du also darüber nachdenkst, wie du deinem Kind gute Gewohnheiten beibringen kannst, denke erst einmal daran, ob du diese Gewohnheit vorlebst. Wenn nicht, ist das eine gute Gelegenheit an deinen eigenen Gewohnheiten zu arbeiten, dabei bekommst du auch ein gutes Gespür dafür, wie schwer oder leicht das für dein Kind sein kann.

Ich habe da einmal eine Geschichte von einer Mutter gehört, die ganz gut beschreibt, wie wir unserem Kind gute Gewohnheiten beibringen können. Also, die Mutter hat mit der dreijährigen Tochter gerade den Babybruder im ersten Stock niedergelegt und er schläft (Freude!!). Als die beiden aus dem Zimmer gehen sagt die Mutter: "Gehe bitte leise die Stiege hinunter, damit dein Bruder nicht aufwacht." (Das wäre die Gewohnheit auf andere Rücksicht zu nehmen, sie respektvoll zu behandeln). Was macht die Tochter? WUMM stampft sie auf die erste Treppe und noch einmal WUMM. Die Mutter nimmt sie bei der Hand und sagt: "Schau mal, wie leise ich die Stiege hinunter gehen kann, kannst du das auch?" und schleicht die ersten zwei Treppen hinunter. 

Und die Tochter schwebt über die Treppe wie eine Ballerina.

Was hat die Mutter gemacht? Sie hat die schlechte Gewohnheit erkannt und gestoppt, indem sie die Tochter bei der Hand nahm und ansprach. Dann hat sie ihrer Tochter vorgezeigt, was sie von ihr erwartet und es hat funktioniert.

Natürlich ist das nicht immer so. Manchmal übersehen wir die kleinen Anzeichen für den großen Sturm der naht, weil wir mit etwas anderem beschäftigt sind, weil wir schon müde sind,  ...

Wichtig ist, und das ist das was uns Charlotte Mason sagt, dass wir unsere Kinder in derartigen Situationen nicht alleine lassen. Wir müssen ihnen auch in den Stürmen des Lebens beistehen UND ihnen einen Lösungsweg anbieten und zeigen.

Das heißt, wenn Situationen sich in die verkehrte Richtung entwickeln ist es wichtig diese Entwicklung zu stoppen. Das ist unterschiedlich: machmal reicht es, wenn du dein Kind ansiehst und sagst, dass du siehst, dass es ihm jetzt nicht gut geht, oder es darauf aufmerksam machst, dass man sich in dieser Situation anders verhalten könnte; manchmal reicht es, wenn du dein Kind an die Hand nimmst, oder es berührst; manchmal musst du des vielleicht buchstäblich aus einer Situation heraustragen. Wichtig ist einfach nur, dass du erkennst, dass in diesem Moment für dein Kind etwas nicht in Ordnung ist. 

Dann müssen wir unseren Kindern in ihrer Not beistehen. Das heißt, wir warten, bis sich der Sturm gelegt hat. In dieser Situation musst du eigentlich gar nichts anderes tun, als da zu sein. Oft ist es so dass unsere Worte, auch wenn sie gut gemeint sind, in diesen Momenten den Sturm noch mehr anfeuern. Also warte besser ...  und atme. 

Wenn ihr das geschafft habt, ist es Zeit die Situation zu reflektieren. Dabei geht es nicht darum dem Kind vorzuhalten welche Fehler es gemacht hat, sondern eine Lösung anzubieten. Das heißt, wir fragen unser Kind wie es ihm nun geht. Wir bemerken, dass es wir gesehen haben, dass es ihm vorher nicht gut ging, warum? Wir suchen gemeinsam eine Lösung, damit Situationen nicht so eskalieren müssen. Wir gehen diese neue Situation gemeinsam mit unserem Kind durch. Und ja, das IST mühsam, aber es zahlt sich aus. Auch bei neurountypischen Kindern, oder vielleicht gerade bei diesen.

Das ist es, was Charlotte Mason mit Habittraining gemeint hat. Wow, oder? Ich meine, vor 100 Jahren?!?

Was wären jetzt gute Gewohnheiten, die das Lernen erleichtern?

Aufmerksam sein zum Beispiel.

Doch ich möchte mit dir zuerst über ein anderes Thema sprechen: die Rechte deines Kindes. 

Ja, Charlotte Mason hat eine Magna Carta für Kinder verfasst! Nachzulesen im Band 3 ab S. 36.

1. Kinder haben ein Recht auf freigewähltes Spiel: wenn dein Kinde Freizeit hat, darf es diese Zeit auch frei einteilen. Ein Gesellschaftsspiel ist kein freies Spiel. Wir Erwachsene können oft nichts mit unserer Freizeit anfangen, weil wir es gewohnt sind unterhalten zu werden, wir sind abhängig von Unterhaltung .... vielleicht hilft euch dieser Gedankenanstoß.

2. Kinder haben ein Recht auf selbstgesteuertes Lernen: misch dich nicht in das Spiel deines Kindes ein, lass deinem Kind Zeit, selbst auf die Lösung des Problems zu kommen, lass es aber nicht alleine. Das ist ein großer Unterschied! Wenn du merkst, dass dein Kind verzweifelt, solltest du rechtzeitig da sein und ihm bei der Lösung des Problems helfen.

3. Kinder haben ein Recht auf ihre individuelle Entwicklung: erzwinge nichts, der richtigeZeitpunkt wird kommen. Im schlimmsten Fall gewöhnst du dein Kind daran, dass es immer einen Anstoss von außen braucht um in die Gänge zu kommen. Wenn immer möglich, lasse zu, dass dein Kind intrinsisch (aus eigenem Antrieb) motiviert spielt und lernt. So ermöglichst du selbstgesteuertes Lernen.

4. Kinder haben ein Recht darauf, sich ihre Freunde selbst auszusuchen: wir sollen die Kinder durch unser eigenes Vorbild anleiten, wie man wertschätzend und respektvoll mit Menschen umgeht. Dein Kind soll selbst aussuchen dürfen mit wem es spielen mag und sich nicht immer in von uns - oder von anderen - selektierten Gruppen aufhalten.

5. Kinder haben das Recht selbst zu entscheiden wofür sie ihr Taschengeld ausgeben: auch hier seid ihr das lebende Vorbild und es ist deine Aufgabe dein Kind auch an diesem Teil deines Lebens teilhaben zu lassen. Dann muss es das selbst probieren und auch Fehler machen, das ist so im Leben. Auf jeden Fall ist es besser, dein Kind macht in jungen Jahren "Fehler", solange der Rahmen klein und geschützt ist, als später, oder?

6. Kinder haben ein Recht auf ihre eigene Meinung: es ist wichtig, dass du deinem Kind nicht "deine Meinung" über Dinge beibringst, sondern dich an den darübersteigenden Prinzipien orientierst. A child is a born person und kein Klon.

Weiter geht es mit den Gewohnheiten.