Deutschunterricht - Sprache Teil 1

Wir werden oft gefragt, wie man mit Charlotte Mason Deutsch lernen kann. "Wie kann man das Aufsatzschreiben nach Charlotte Mason lernen?"  "Wie lernt man einem Kind die Rechtschreibung und wie funktioniert das Vokabellernen bei Charlotte Mason?"

Was gehört zum Sprachenunterricht dazu? Wenn wir uns am österreichischen Lehrplan orientieren, umfasst der Unterricht: Lesen, Schreiben, Sprechen und Hören. Das entspricht genau der Auffassung von Charlotte Mason. Sie unterteilte das in: das Lesen von Büchern, das sinnesfassende Lesen, Erweiterung des Wortschatzes,  Narration (Gehörtes wiedergeben), Texte schreiben und lautes Lesen. Sie benutzte verschiedene Methoden um diese Fähigkeiten zu erlernen und vor allem, sie nutzte diese Methoden in JEDEM Fach, nicht nur in Deutsch.

Wenn dir also vorkommt, dass du zu wenig "richtigen" Deutsch Unterricht machst, denke daran, dass du die Methoden in allen Fächer anwendest.

Gerade beim Erlernen einer Sprache und vor allem bei der Muttersprache kann es passieren, dass dein Kind alle Arbeitsblätter richtig ausfüllt, die richtigen Wörter unterstreicht und trotzdem beim Anwenden dieser Regeln, wenn es zum Beispiel einen Text schreiben soll, scheitert. Das ist frustrierend - für beide Seiten. Wir neigen dann dazu noch mehr Arbeitsblätter auszufüllen und noch mehr zu üben; meistens führt dies aber nicht zum gewünschten Erfolg. Manchmal glauben wir, das Kind muss nur genug schreiben und wir lassen es viele Texte verfassen, die wir dann auch nicht korrigieren... auch das führt nur selten zum Ziel. Charlotte Mason nutzte ansprechende Literatur, weil diese den Kindern eine Vorstellung von guten Texten, einem reichen Wortschatz, einer guten Wortwahl und einer ansprechenden Satzstruktur liefert. Sie bekommen eine Vorstellung, wie das aussehen soll und kann.

Charlotte Mason unterteilte Grammatik, Rechtschreibung, Aufsatzschreiben etc. nicht in eigene Bereiche, die gesondert unterrichtet wurden. Sie wandte ihre Methoden an und benutzte lebendige Bücher, so konnten alle Bereich im gesamten Unterricht einfließen, ohne dass es den Kindern bewusst war, dass sie nun etwas in Rechtschreibung gelernt hatten.

Gute Literatur

Was ist nun "gute Literatur für Kinder"? Suche Bücher aus, die etwas aussagen. Gute Bücher verfügen über einen reichen Wortschatz und eine angemessene Sprache (sie halten die Kinder nicht für zu dumm, um etwas zu verstehen). Diese Bücher können jedes Thema euren Lehrplans betreffen. Wenn du möchtest, dass dein Kind sich gut ausdrücken kann, muss es eine derartige Sprache auch kennenlernen. Wortschatz entsteht nicht von selbst. Es macht also durchaus Sinn von Anfang an die Bücher, die ihr vorlest, gemeinsam lest oder anseht gut auszuwählen.

Wenn ihr mit dem Lesen beginnt, macht es Sinn Bücher zu verwenden, die nicht so viel Text auf einer Seite beinhalten und auch ein Bild haben, dass das Gelesene erklärt. Beispiele hierfür wäre "Peter Hase" von Beatrix Potter, aber auch alle anderen Bilderbücher, die ihr vielleicht im Kindergartenalter gemeinsam angesehen habt, können nun selbst entdeckt werden.

Narration

Wie kann man Narration erlernen? Eigentlich gar nicht. Warum das so ist, lassen wir Charlotte Mason selbst sagen:

"Narrating is an art, like poetry-making or painting, because it is there in every child's mind, waiting to be discovered, and is not the result of any process of disciplinary education." ~Charlotte Mason

Narration fördert jedoch wichtige Eigenschaften, die für unser ganzes Leben von großer Bedeutung sein können: Aufmerksam zuhören, das Gegenüber aussprechen lassen und mit meiner Frage warten. Dein Kind lernt das Gehörte erst wiederzugeben und erst dann seine Meinung dazu zu sagen, auch etwas, das unserer Meinung nach sehr wichtig sein kann. Vor allem kommt es, durch die Auswahl der Bücher, mit vielen wertvollen Ideen in Kontakt und erweitert dadurch seinen Horizont.

Wenn ihr näheres über die Narration wissen wollt, lest hier nach.

Abschreiben/Copywork

Abschreiben und das vorbereitete Diktat wird manchmal missverstanden. Es ging Charlotte Mason darum,  "sinnlosen" Übungen zu unterlassen und das was wir tun dem Kind - und nicht einem Leistungsstandard - anzupassen. Es ist schon wichtig, dass wir gewissen Standards im Lernen erreichen, trotzdem können wir nur dort beginnen, wo unser Kind gerade steht. Wir schreiben also keine sinnlose Wortlisten in ein Heft, oder Sätze, die keine Aussage haben.

Der Anfang des Abschreibens, oder Copywork - wie Charlotte Mason es genannt hat - ist das Schreiben lernen von einer Vorlage.

Das kann am Anfang ein gerader Strich sein. Wir schreiben einen geraden Strich in der Zeile vor - oder nutzen eine Vorlage -  und das Kind schreibt einen geraden Strich nach. Dann überprüft das Kind ob sein Werk der Vorlage entsprich oder nicht. Wenn ja - gut gemacht! Vielleicht machen wir noch zwei weitere, und dann ist Schluß! Wir machen dann etwas anderes und am besten etwas Inhaltsorientiertes.

Entspricht der Strich nicht der Vorlage, besprechen wir, was der Unterschied ist und was man anders machen kann und probieren es noch einmal. Hört auf, wenn es am Besten ist! Tränen und Lernen vertragen sich nämlich nicht.

Jedes Kind ist anders und du kennst dein Kind am besten. Es gibt Kinder, die feinmotorisch begabt sind und die beim Erlernen des Schreibens keine Probleme haben. Das ist ok, auch dann hörst du auf, wenn es am Besten ist. Wir möchten ja die Freude am Lernen erhalten.

Wenn Kinder Probleme beim Schreibenlernen haben macht es Sinn zusätzlich die Feinmotorik zu schulen. Formt - wenn wir bei dem oben genannten Beispiel bleiben - gerade Würste aus Plastilin, legt gerade Schnüre auf eine Unterlage, legt mit einer Pinzette Erbsen (oder andere kleine Kugeln, oder Reiskörner) auf die Vorlage mit dem Strich und arbeitet parallel weiter.

Wir lernen das Lesen gleichzeitig. Meist können Kinder eher lesen, als dass sie schreiben können, wenn man sie lässt. Es macht nichts, wenn ihr noch nicht alle Buchstaben schreiben könnt, wenn das Kind schon liest.

Der nächste Schritt beginnt, wenn das Kind weiß, wie die Buchstaben geschrieben werden. Ihr beginnt erst kurze Sätze und dann längere Sätze aus den Büchern die ihr gerade lest abzuschreiben. Eine andere Möglichkeit ist es, nach der Narration - ihr stellt ja vorher immer die neuen oder unbekannten Wörter vor - eines dieser Wörter zu schreiben. Wir haben heute viele Vorteile, die Charlotte Mason nicht hatte. Wir können Passagen aus Büchern kopieren oder Einscannen und ausdrucken. Du schneidest dann den Absatz aus, in dem der entsprechende Satz ist, aus und markierst den Satz mit einem Leuchtstift. 

Achte darauf, dass es beim Abschreiben nicht um Schnelligkeit geht, sondern darum den Satz genau und in der besten Schrift abzuschreiben. Überprüft dann, ob das Abgeschriebene der Vorlage entspricht und handelt wie oben beschrieben. Wenn es gut ist - ist Schluss!

Wie ihr jetzt vielleicht merkt, müsst ihr euch wahrscheinlich von der Vorstellung "einer Schulstunde" lösen. Abschreib-Übungen können in jedem Fach stattfinden.

Wenn du möchtest, kannst du für dein Kind ein "Sprachschatz-Buch" kaufen. In diese Buch schreibt dein Kind dann die Sätze, die ihm am besten gefallen haben und kann sie dann auch mit Zeichnungen oder Ornamenten verzieren. Das ist eine schöne Sachen, denn in ein paar Jahren könnt ihr so gemeinsam den Fortschritt, dein Kind gemacht hat beobachten.

Wortschatz erweitern

Ein reicher Wortschatz ist wichtig, wenn man erzählen oder Geschichten schreiben möchte. Diesen Wortschatz erlernt man nicht, indem man Wortlisten auswendig lernt. Wörter merkt man sich besser, wenn man sie im Kontext lernt - sinngemäß. Das fängt beim Kleinkind an, wenn du ihm seine Umwelt erklärst, die Namen, die Farben, die Formen. Aus diesem Grund machen wir von Anfang an auch mit kleinen Kindern Naturbeobachtungen. Wir erklären ihnen was wir sehen und sie sagen, was sie sehen.

Auch im Kontext von Büchern lernen Kinder neue Wörter. Du musst beim Vorlesen nicht jedes Wort, von dem du glaubst, das Kind würde es nicht verstehen erklären. Wenn wir vor dem Vorlesen - vor der Narration - Worte erklären handelt es sich im Länder oder Städte - wir zeigen auf der Karte wo sie sind, wir erklären welche Sprache man dort spricht oder andere kulturelle Eigenheiten, die im Zusammenhang mit dem Text Sinn machen; wir erklären, dass Mister so und so der Name für eine Person ist - für einen bestimmten Mann und wir erklären Fremdwörter oder Lehnwörter, falls diese im Text vorkommen. Wenn dein Kind ein Wort nicht kennt und im Zusammenhang nicht versteht, dann wird es dich fragen. Unterschätzt die Kinder nicht, macht sie nicht klein.

Sinnerfassendes Lesen

Man kann sagen, dass Charlotte Mason sehr großen Wert auf diese Fähigkeit, die zur Gewohnheit werden sollte legte. Wenn wir lesen, lesen wir aufmerksam.

Darum sind die Anfänge auch sehr kurz. Mit der Zeit werden sie länger. Denkt daran, sonst werden die Kinder gelangweilt sein.  Das Geheimnis ist, die Kinder weder zu über- noch zu unterfordern. Das gilt auch für die Auswahl der Texte. Suche Bücher über Themen aus, die dein Kinder interessiert, oder die in einer interessanten Umgebung oder Zeit handeln von der ihr gerade lernt, oder auch über Personen mit denen sich dein Kind identifizieren kann oder über die es schon etwas gehört hat (ein Musikstück zum Beispiel oder ihr habt ein Bild betrachtet). Wir lernen und lesen im Kontext. Das führt zu einem fokussierten Unterricht und wir bleiben beide bei der Sache.

Die Fähigkeit sinnesfassend Lesen zu können, ist die Voraussetzung zur Selbstbildung oder autodidaktischem Lernen.

Die Narration hilft dir zu prüfen, ob dein Kind sinnerfassend liest. Wir lesen den Text nur einmal (auch beim Vorlesen) und halten die Passagen kurz, um dem Kind die Wiedergabe des Gehörten oder Gelesenen zu ermöglichen. Das Nacherzählen mit eigenen Worte beginnt nie mit: ich glaube, oder ich denke. Es ist eine Wiedergabe des Inhalts und keine Interpretation. Das kommt danach.

Du kannst die Narration, das sinnesfassende Lesen, in allen Fächern anwenden.

Lies weiter im Teil 2.