Lesen lernen

Als mein ältestes Kind noch klein war, machte ich mir viele Gedanken darüber, wie ich ihr das Lesen beibringen könnte. Dabei kann ich mich nicht erinnern, mir jemals derartige Gedanken gemacht zu haben, wenn es darum ging, ob sie es lernt, die Schuhe zu zubinden, oder Auto zu fahren. Ich weiß aber noch gut, dass ich Nachts an die Decke starrte und über das Lesenlernen nachdachte. 

Da Lesen für das Lernen so wichtig ist, können solche Gedanken entmutigend sein. Wenn das Kind gut lesen kann, wird es auch die Schule leichter meistern. Wir möchten dich an dieser Stelle ermutigen und dir versichern, dass die meisten Kinder, die in einer Umgebung, in der Bücher und Sprache eine wichtige Rolle spielen, aufwachsen von selbst mit dem Lesen beginnen. Manche Menschen können sich an ihr eigenes Lesenlernen gar nicht mehr erinnern, weil es einfach passiert ist. Bei meinen drei Töchtern war das so. Nicht einmal ich könnte heute sagen, wie oder wann sie Lesen konnten. Bei meinem Sohn hatte ich wirklich Sorgen (er ist der Mittlere), ob das normal sei, dass er nicht von selbst liest. Wir fuhren dann eines Tages von meiner Schwester mit dem Auto nach Hause und er hatte bei dieser Heimfahrt ein Buch von einer seiner Schwestern in der Hand. Plötzlich sagt er (hinter mir, ich fuhr ja): "Ich kann lesen!". "Ja", sagte ich, "das ist toll!". "Ich kann wirklich lesen!" So ging das ein paar Mal, bis ich schließlich an den Straßenrand fuhr, die hintere Türe öffnete und sagte: "Na, dann lies uns doch etwas vor", und das tat er. Er hat zuvor noch nie ein Wort gelesen. Da las er uns nun einen Satz aus dem Buch vor und ich fragte ihn, wie er das jetzt auf einmal gelernt hat. Seine Antwort: "Das ist ganz einfach, man muss nur die Buchstaben hintereinander sagen." Von diesem Tag an war er eine richtige Leseratte und las am liebsten lustige Abenteuerbücher. Er nervte bei den Autofahrten seine Schwestern sehr, da er bei jeder lustigen Stelle lauthals zu Lachen begann....

Also, entspanne dich und lies die die folgenden Punkte durch, die Charlotte Masons Zugang zum Lesenlernen darstellen.

Wir spielen mit Wort und Laut...

Schon im Kindergartenalter fördern wir die Lesefähigkeit, indem wir den Kindern Buchstaben zum Spielen anbieten. Das kann eine Magnettafel mit Magnetbuchstaben, Zahlen und geometrischen Figuren sein, mit denen es erst spielt und die es später auch dazu verwenden kann Wörter zu legen. Ihr könnt die Buchstaben und Zahlen auch in einer Wanne mit Reis oder Sand mit dem Finger nachzeichnen und diese Buchstaben und Zahlen in der Luft schreiben, bevor ihr auf der Tafel oder dem Whiteboard übt.

Im Kleinkind- und Kindergartenalter macht es Sinn einen Papierrollenhalter in einer Höhe von ca. 1,4m an der Wand zu montieren um so dem Kind die Möglichkeit zu geben, sich im Malen auszuprobieren. Malen ist die Vorläuferfähigkeit für das Schreiben und gerade am Anfang fällt es motorisch noch schwer, auf einem "kleinen" Blatt Papier zu malen. Um die Wand dahinter zu schützen, könnt ihr zusätzlich eine Schutzfolie anbringen, die lässt sich, wenn die Rolle nicht mehr gebraucht wird einfach abnehmen.

Wenn dein Kind mit der Form des Buchstabens oder der Zahl vertraut ist, sagst du den Laut dazu. Genauso wie du deinem Kind gelernt hast, dass der Hund "Wau" macht, sagst du ihm jetzt, dass der Buchstabe a lautet.

Vorbereitungen für das Lesen

Wenn dein Kind verstanden hat, wie die Buchstaben aussehen und welchen Laut sie machen, kannst du anfangen, die Buchstaben zusammen zu setzten. Das geht gut mit Wörtern in denen sich bekannte Buchstaben wiederholen: Mama, Papa, Oma, Opa und auch mit kurzen Wörtern, die aus wenigen Buchstaben bestehen. Wichtig ist, dass ihr mit Büchern lesen lernt und nicht mit Wörtern. Das heißt wir suchen eine kurzes Wort z.b. Baum, "lesen" das zuerst indem wir es mit Buchstaben legen und suchen das Wort dann auf der Seite im Buch und lesen es dort.

Eine gute Möglichkeit das Lesen zu üben, sind Anlaut-Übungen, die ihr schon im Kindergarten machen könnt. Such dir drei Sachen, die mit dem gleichen Anfangsbuchstaben beginnen. Betone diesen Anlaut beim Sprechen. Lege diese drei Sachen in einen Korb und andere Dinge dazu. Dein Kind soll nun die Sachen, die mit dem "richtigen" Buchstaben beginnen herausholen und benennen. Das ist ein tolles Spiel! 

Ihr könnt auch den Buchstaben neben den Korb legen und nach einer Zeit sagst du: Wir suchen heute Dinge die mit "A" beginnen. Dann such dein Kind sucht erst das A aus dem Korb mit den Buchstaben und dann die Dinge die mit A anfangen.

Eine wichtige Übung im Kleinkind- und Kindergartenalter ist auch das Silbenklatschen. Das geht meist gut in Form eines kleinen Gedichtes oder eines Liedes, zu dem ihr in Silben klatscht. Sucht euch dazu Themen aus, die zur Jahreszeit passen. Diese Übungen sind sehr wichtig, damit dein Kind ein Rhythmusgefühl für die Sprache bekommt. Vergiss dabei nicht ganzheitlich zu arbeiten. Du suchst z.b. ein Gedicht über die Sonne, ihr singt ein Lied, ihr beobachtet die Sonne und ihren Verlauf,  ihr habt ein Bild von der Sonne und den Buchstaben S und ihr könnt die Sonne im Sand und auf der Malwand malen (mit großen Bewegungen). Wenn ihr jetzt noch ein altersgerechtes Buch über die Sonne findet (zu viel Text ist für kleine Kinder oft ermüdend), dann ist die Woche auch schon vorbei!

Eine zusätzliche Hilfe ist es, wenn dein Kind am Anfang auch den Finger zum Lesen nutzen darf. Es kann dabei mit den Fingern einen Silbenbogen beim Lesen machen (also unter jeder Silbe einen Bogen nach unten) oder einfach Buchstaben für Buchstabe mit dem Finger in einer geraden Linie berühren und dazu sprechen. Das kommt auch auf das Buch an, das ihr von der Schule bekommen habt. Lasst euch aber durch unterschiedlichen Zugangsweisen nicht verunsichern, diese Übungen könnt ihr bei jeder Art des Lesenlernens benutzen.

Am allerwichtigsten, wenn ihr nach der Methode von Charlotte Mason arbeiten wollt ist, dass ihr mit einem Buch lesen lernt und nicht nach einem Buch. Wir haben dafür das Lieblingsbilderbuch hergenommen. Oft konnten meine Kinder schon eine Passage auswendig, wie z.b. vom Buch Kannst du nicht schlafen, kleiner Bär?, Das kleine Ich bin Ich oder Die kleine Raupe Nimmersatt.  Die Stellen, die dein Kind schon auswendig kann, kann es dann auch "lesen", indem du mit ihm das Buch liest.

Lautes Lesen

Das wichtigste Lerntool beim Lauten Lesen bist du. Du als Sprachvorbild. Achte also beim Vorlesen darauf, dass du von Anfang an auch die Satzzeichen richtig liest. 

Auch ab dem Zeitpunkt an dem dein "mit dir" liest (also ein Wort selbst lesen kann, die anderen aber noch nicht), ist es wichtig, dass du die Satzzeichen liest, also richtig betonst. Charlotte Mason hielt nichts davon, das Kind erst irgendwie lesen zu lassen und später im Unterricht die Satzzeichen zu unterrichten. Das lernt ihr einfach gleich mit.

Die Möglichkeit zu Üben ist auch sehr wichtig. Wenn du dir die Phasen des Übergangs schon durchgelesen hast, dann hast du auch sicher den Absatz über die Familien-Lese-Zeit gelesen. Wenn nicht, lies es dir hier noch einmal durch. Sobald dein Kind lesen kann, liest es auch in dieser Zeit. Achte darauf, dass die anderen Familienmitglieder diesem Kind Raum und Zeit geben. "Education is an atmosphere" das gilt auch hier: eine wertschätzende, respektvolle, liebevolle Umgebung wird dein Kind in seinem Tun bestärken.

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